Vor dir steht eine Kirche, die fast wie ein Bürgerbau wirkt, ihre Front sauber in Bänder gegliedert. Niemand würde ahnen, dass im Innern, in einer Seitenkapelle, die Wände mit Tausenden menschlicher Knochen bedeckt sind, mit fast dekorativer Sorgfalt angeordnet.

1Ein überfüllter Friedhof

Im 12. Jahrhundert gab es gegenüber der Basilika Santo Stefano ein Hospital und einen Friedhof. Als der Friedhof voll war, wurde 1210 ein Raum für die Gebeine gebaut. Später kam eine kleine Kirche hinzu, im 15. Jahrhundert dem heiligen Bernhardin von Siena geweiht. 1642 stürzte der Glockenturm von Santo Stefano auf die Anlage, und beim Wiederaufbau ordnete man die Knochen zu Kreuzen, Girlanden und geometrischen Mustern. 1695 malte Sebastiano Ricci einen Wirbel aus Engeln und Seelen, die zum Himmel aufsteigen, an das Gewölbe.

2Was man erzählt

Eine im 17. Jahrhundert überlieferte Tradition besagte, die Knochen gehörten Mailändern, die zu Ambrosius' Zeiten im Kampf gegen arianische Ketzer gefallen seien. Forscher halten es für wahrscheinlicher, dass sie von Spitalpatienten, Gefangenen und Toten benachbarter Friedhöfe stammen.

Man erzählt, dass jeden 2. November das Skelett eines kleinen Mädchens zum Leben erwacht und die anderen Knochen in einen Totentanz mitreißt.

Es heißt auch, König Johann V. von Portugal sei so beeindruckt gewesen, dass er die Kapelle in Évora nachbauen ließ. Das ist zweifelhaft: Die Knochenkapelle von Évora ist älter.

3Worauf du achten solltest

  • Die Fassade mit Statuen des heiligen Bernhardin und des heiligen Sebastian.
  • Der Seitengang, der zum Beinhaus führt.
  • Der Baukörper von Santo Stefano, dessen Glockenturm den Einsturz von 1642 verursachte.
Fresko von Sebastiano Ricci mit Engeln und Seelen am Gewölbe des Beinhauses
Das Gewölbe des Beinhauses, 1695 von Sebastiano Ricci ausgemalt.

Belegt

Das Beinhaus besteht seit 1210, wurde nach dem Einsturz des Glockenturms von Santo Stefano 1642 neu geordnet, und Sebastiano Ricci malte das Gewölbe 1695.

Mündliche Überlieferung

Der arianische Ursprung der Knochen, der Tanz des Mädchens am 2. November und die von Johann V. in Auftrag gegebene Kopie in Évora gehören zur Überlieferung.

Quellen und Nachweise

Arcidiocesi di Milano, Seite zu San Bernardino alle Ossa; Carlo Torre, «Il ritratto di Milano» (1674); Lombardia Beni Culturali, Eintrag zur Kirche.

Fotos:

  • Helle Fassade der Kirche San Bernardino alle Ossa: Saggittarius A, CC BY-SA 4.0.
  • Fresko von Sebastiano Ricci mit Engeln und Seelen am Gewölbe des Beinhauses: Phyrexian, CC BY-SA 4.0.

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