Du bist im Call, dem alten jüdischen Viertel Barcelonas. Die Gassen werden eng, kaum Licht erreicht den Boden, und fast nichts erklärt, was dieses Viertel einmal war. Dieses Schweigen gehört zu seiner Geschichte.
1Eine blühende Gemeinde
Im Mittelalter lebte hier eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden der Krone Aragón: Ärzte, Geldverleiher, Übersetzer, Rabbiner und Handwerker. Der Call hatte seine Synagogen, Bäder und seine Schule, und seine Gelehrten standen im Austausch mit den großen Zentren des Wissens ihrer Zeit.
2Der Sommer 1391
Im August 1391 erreichte eine Welle judenfeindlicher Gewalt, die in Sevilla begonnen hatte, Barcelona. Der Call wurde überfallen und geplündert, viele seiner Bewohner wurden ermordet oder zur Taufe gezwungen. Die Gemeinde erholte sich nie wieder. Ein Jahrhundert später, 1492, beendete die Vertreibung der Juden aus den spanischen Reichen dieses Kapitel endgültig.
3Der Stein von Marlet
Such die Tafel mit den hebräischen Buchstaben an der Ecke. Die anerkannte Übersetzung von Josep Maria Millàs i Vallicrosa lautet, sie bezeichne eine „fromme Stiftung des Rabbi Samuel ha-Sardí“, und sie endet mit einer Formel, die man meist als „möge sein Licht ewig brennen“ liest. Was du siehst, ist eine Nachbildung von 1981; das Original liegt im Stadtgeschichtlichen Museum Barcelonas.
Lange hieß es, genau hier habe die älteste Synagoge Europas gestanden; Fachleute streiten noch immer über diese Zuordnung.
Ganz in der Nähe, im Carrer de Marlet, gibt sich ein kleines Lokal als die alte Hauptsynagoge aus. Das ist eine reizvolle Hypothese, aber einen Konsens gibt es nicht.
4Worauf du achten solltest
- Die hebräische Tafel und ihre Übersetzung.
- Wie eng die Gassen sind, die noch immer dem mittelalterlichen Grundriss folgen.
- Die Straßennamen, etwa Sant Domènec del Call.
Belegt
Der Call wurde im August 1391 überfallen; die Tafel von Marlet verzeichnet eine fromme Stiftung des Samuel ha-Sardí und ist eine Nachbildung von 1981, deren Original das MUHBA verwahrt.
Mündliche Überlieferung
Die Gleichsetzung des Lokals im Carrer de Marlet mit der mittelalterlichen Hauptsynagoge ist eine umstrittene Hypothese, keine bewiesene Tatsache.
Quellen und Nachweise
Museu d’Història de Barcelona (MUHBA), „El Call de Barcelona“ (Führer); Josep Maria Millàs i Vallicrosa, Studie zur Inschrift (1956); Zeitschrift „Tamid“, Institut d’Estudis Catalans.
Fotos:
- Der Carrer de Marlet im Call, dem alten jüdischen Viertel Barcelonas: Enric, CC BY-SA 4.0.
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