Diesmal schau nicht auf das Portal der Seidenbörse: Richte den Blick auf den oberen Rand der Mauern. Achtundzwanzig steinerne Wasserspeier ragen dort heraus, und wenn du genau hinsiehst, wirst du merken, dass viele alles andere als fromm sind.

1Ein unanständiges Bestiarium

Es gibt Ungeheuer und Fabeltiere, Musikanten, Figuren, die ihr Hinterteil zeigen, nackte Gestalten und offen erotische Szenen. Vor allem sind es Wasserspeier zum Ableiten des Regenwassers, doch die Steinmetze, die Ende des 15. Jahrhunderts unter Pere Compte arbeiteten, nutzten sie, um einen ganzen Katalog von Lastern, Scherzen und Begierden hineinzumeißeln. Etwa fünfzehn befinden sich am Handelssaal, sieben am Seekonsulat und sechs am Turm.

2Was wollten sie sagen?

Keine Urkunde erklärt ihr Programm. Fachleute schlagen mehrere Lesarten vor: eine moralische Warnung vor den Sünden, die vor diesem Tempel des Handels lauern, eine Satire auf das Straßenleben oder schlicht Werkstattwitz. Manche Autoren weisen darauf hin, dass Valencia im 15. Jahrhundert eines der größten und bekanntesten Bordelle Europas besaß, das Partit, und glauben, dass diese Figuren von dieser Wirklichkeit erzählen.

Drinnen predigt eine lateinische Inschrift den Kaufleuten Ehrlichkeit; draußen, hoch oben, zeigen die Wasserspeier genau das Gegenteil.

Tatsächlich trennte das Mittelalter das Heilige nicht so scharf vom Grotesken wie wir: Viele Kathedralen in Europa haben ebenso gewagte Figuren.

3Worauf du achten solltest

  • Die Wasserspeier an den Ecken, die man von der Straße aus am leichtesten erkennt.
  • Die kronenförmigen Zinnen, die dem Gebäude den Anschein einer Burg geben.
  • Die kleinen Reliefs am Portal, mit weiteren kuriosen Figuren auf Augenhöhe.

Belegt

Die Seidenbörse hat 28 gotische Wasserspeier, Ende des 15. Jahrhunderts gemeißelt, viele mit satirischen und erotischen Motiven.

Mündliche Überlieferung

Keine Urkunde erklärt ihre Bedeutung; ihr Zusammenhang mit dem Bordell Partit ist eine Deutung, die einige Autoren vorschlagen.

Quellen und Nachweise

Dolores Herrero, studies on the gargoyles of Valencia's Silk Exchange (doloresherrero.com); Ajuntament de València, Lonja de la Seda listing; Arturo Zaragozá and Mercedes Gómez-Ferrer, Pere Compte, arquitecto (2007).

Fotos:

  • Steinerner Wasserspeier an der Seidenbörse von Valencia: Rafa Esteve, CC BY-SA 4.0.
  • Gotisches Fenster und von Engeln gehaltenes Wappen an der Steinfassade der Seidenbörse: CARLOS TEIXIDOR CADENAS, CC BY-SA 4.0.

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