Schau nach Süden: Die geschlossene Brücke aus weißem Stein verbindet den Dogenpalast zu deiner Rechten mit den Neuen Gefängnissen zu deiner Linken. Doch das gefürchtetste Gefängnis lag nicht jenseits des Kanals, sondern oben, unter dem Dach des Palasts selbst. Das waren die Piombi, die Bleikammern, Zellen unter den Bleiplatten des Dachs: eiskalt im Winter und stickig heiß im Sommer. Ganz unten lagen die Pozzi, die Brunnen.
1Ein unbequemer Gast
Am 26. Juli 1755 wurde auf Befehl der Staatsinquisitoren Giacomo Casanova verhaftet: ein dreißigjähriger Venezianer, Spieler, Verführer und Liebhaber von Büchern über Magie. Einen öffentlichen Prozess gab es nicht. Man sperrte ihn in die Bleikammern, ohne ihm zu sagen, für wie lange.
2Die Nacht des 31. Oktober 1756
Monatelang bereitete Casanova seine Flucht vor, zusammen mit einem Mitgefangenen, dem Mönch Marino Balbi. Sie durchbrachen die Decke, kletterten aufs Bleidach, stiegen durch eine Dachluke wieder in den Palast ein und arbeiteten sich durch Säle und Treppenhäuser nach unten. Am Morgen öffnete ihnen ein Wächter die Tür, überzeugt, es seien versehentlich eingeschlossene Besucher. Sie gingen über die Haupttreppe hinaus und flohen per Gondel aufs Festland.
Die Verhaftung ist aktenkundig; die Einzelheiten der Flucht kennen wir vor allem von Casanova selbst, der sie in einem 1788 erschienenen Buch erzählte.
Und er erzählte sie immer wieder, in den Salons ganz Europas: Sie war seine beste Visitenkarte.
3Worauf du achten solltest
- Die kleinen vergitterten Fenster der Seufzerbrücke.
- Das Dach des Palasts, unter dem die Bleikammern lagen.
- Die Gondeln, die über den Rio gleiten, wie jene, mit der die Flüchtigen entkamen.
Belegt
Casanova wurde am 26. Juli 1755 auf Befehl der Staatsinquisitoren verhaftet und in die Bleikammern des Dogenpalasts gesperrt, aus denen er in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1756 mit Marino Balbi floh.
Mündliche Überlieferung
Viele Einzelheiten der Flucht kennen wir nur aus Casanovas eigenem Bericht von 1788, den er womöglich ausgeschmückt hat.
Quellen und Nachweise
Giacomo Casanova, «Histoire de ma fuite des prisons de la République de Venise qu'on appelle les Plombs» (1788); Fondazione Musei Civici di Venezia, Palazzo Ducale (Rundgang durch die Bleikammern); Italienische Wikipedia, «Piombi» und «Ponte dei Sospiri».
Fotos:
- Die Seufzerbrücke vom Ponte de la Canonica aus, zwischen Dogenpalast und Gefängnis: Wolfgang Moroder, CC BY-SA 3.0.
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