Bis 1421 hieß dieser Platz nicht Judenplatz, sondern Schulhof, denn hier stand die Synagoge. Er war das Zentrum einer jüdischen Gemeinde, die seit dem frühen 13. Jahrhundert belegt ist und eine in ganz Mitteleuropa berühmte Talmudschule besaß.
1Die Wiener Gesera
Im Jahr 1420 ordnete Herzog Albrecht V. die Verfolgung der Juden der Stadt an. Viele von denen, die sich in die Synagoge geflüchtet hatten, nahmen sich das Leben, um nicht in die Hände ihrer Verfolger zu fallen. Am 12. März 1421 wurden rund zweihundert Überlebende in Erdberg vor den Mauern bei lebendigem Leib verbrannt. Die Gemeinde war ausgelöscht, die Synagoge wurde abgerissen.
Sieh dir das Haus Nummer 2 an, „Zum großen Jordan“: An seiner Fassade feiert ein Relief aus dem späten 15. Jahrhundert mit lateinischer Inschrift jenes Massaker als Reinigung. Nebenan, an der Nummer 6, räumt eine Tafel, die Kardinal Schönborn 1998 anbringen ließ, die Schuld der Kirche ein.
2Die namenlose Bibliothek
Der Betonblock in der Mitte ist das Mahnmal für die österreichischen Opfer der Shoah. Die britische Künstlerin Rachel Whiteread hat es entworfen, enthüllt wurde es im Jahr 2000. Es erinnert an rund 65.000 ermordete österreichische Juden. Seine Wände sind Regale mit nach innen gekehrten Büchern: Geschichten, die nie gelesen werden können. Unter deinen Füßen legten Grabungen von 1995 bis 1998 die Fundamente der mittelalterlichen Synagoge frei, die du im Museum am Platz besichtigen kannst.
3Worauf du achten solltest
- Die Tür des Mahnmals, zweiflügelig und ohne Klinke.
- Die Namen der Mordstätten, rund um den Sockel eingemeißelt.
- Das Relief am Haus Zum großen Jordan, an der Ecke des Platzes.
Belegt
Die Synagoge ist seit 1204 belegt; die Verfolgung von 1420 bis 1421 endete am 12. März 1421 mit der Hinrichtung von rund zweihundert Menschen in Erdberg; Whitereads Mahnmal wurde im Jahr 2000 enthüllt.
Quellen und Nachweise
Jüdisches Museum Wien, Standort Judenplatz (jmw.at); Wien Geschichte Wiki, Einträge „Judenplatz“ und „Wiener Gesera“; Wikipedia, „Judenplatz (Wien)“.
Fotos:
- Rachel Whitereads Holocaust-Mahnmal auf dem Judenplatz mit der verschlossenen Tür und den Betonbücherregalen: Invisigoth67, CC BY-SA 3.0.
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