Schau auf die Nische zwischen den beiden Portalen. Der bronzene Engel, der seine Lanze in einen halb menschlichen Dämon stößt, ist der heilige Michael, 1588 von Hubert Gerhard geschaffen. Die ganze Fassade ist eine Botschaft der Gegenreformation: Christus ganz oben, der Erzengel unten und dazwischen die Herrscher, die in den Augen Herzog Wilhelms V. den Glauben in Bayern verteidigt hatten.
1Ein Turm, der einstürzte
Wilhelm V., genannt der Fromme, gab die Kirche 1583 für die Jesuiten in Auftrag. 1590, als der Bau schon weit fortgeschritten war, stürzte der Turm ein und zerstörte den Chor. Man erzählt, seine Beamten hätten das mit Blick auf die Finanzen als Zeichen des Himmels gedeutet, mit den Ausgaben aufzuhören. Der Herzog antwortete, es sei tatsächlich ein Zeichen: Der Chor sei zu klein für einen Erzengel. Er ließ ihn deutlich verlängern, und die 1597 geweihte Kirche übertraf an Größe die Mutterkirche der Jesuiten in Rom und brachte das Herzogtum fast an den Rand des Bankrotts.
2Das Rätsel vom See
Unter dem Chor liegt die Fürstengruft der Wittelsbacher. Hier ruht Ludwig II., der König von Neuschwanstein. Am 8. Juni 1886 erklärte ihn ein ärztliches Gutachten, das ohne jede Untersuchung unterschrieben worden war, für geisteskrank. Tage später wurde er entmündigt und auf Schloss Berg festgesetzt. Am 13. Juni ging er mit seinem Psychiater Bernhard von Gudden spazieren. In der Nacht fand man beide tot im seichten Wasser des Starnberger Sees.
Selbstmord, Unfall, missglückte Flucht, Mord? Für keine Version gibt es einen schlüssigen Beweis.
Sein Herz ist nicht hier: Nach Familienbrauch wurde es in einer Urne in der Gnadenkapelle von Altötting beigesetzt.
3Worauf du achten solltest
- Der heilige Michael und der Dämon in Bronze, zwischen den beiden Portalen.
- Die Herrscherfiguren an der Fassade; Wilhelm V. hält ein Modell der Kirche.
- Der Stufengiebel, bekrönt von Christus als Salvator.
Belegt
Die Kirche wurde zwischen 1583 und 1597 gebaut; 1590 stürzte der Turm ein. Ludwig II. starb am 13. Juni 1886 zusammen mit Bernhard von Gudden im Starnberger See und ist in der Gruft bestattet.
Mündliche Überlieferung
Wilhelms V. Antwort, der Chor sei zu klein für den Erzengel, ist eine überlieferte Anekdote ohne Beleg; die Theorien, Ludwig II. sei ermordet worden, sind unbewiesen.
Quellen und Nachweise
Jesuitenkirche St. Michael München, offizielle Website; Haus der Bayerischen Geschichte, „König Ludwig II.“; Günter Hess (Hrsg.), „Trophaea Bavarica“ (Schnell & Steiner, 1997).
Fotos:
- Weiße Renaissancefassade der Michaelskirche mit Herrscherfiguren in Nischen: Bbb-Commons, CC BY-SA 3.0.
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