Tai Ping Shan heißt „Hügel des Friedens“, doch nur wenige Straßen Hongkongs haben eine so düstere Geschichte. Vor dir, hoch auf einer roten Mauer, liegt der Kwong Fook I Tsz. Die Einheimischen nennen ihn Pak Sing Miu, „Tempel der hundert Familien“.

1Ein Zuhause für die Seelen

Um 1856 errichteten chinesische Bewohner und Kaufleute den Tempel, um die Ahnentafeln von Menschen aufzubewahren, die in Hongkong starben, ohne in ihren Heimatdörfern begraben zu werden. Für viele Migranten war der Tod in der Fremde ein doppeltes Unglück: Ohne Familie, die ihr Andenken pflegte, blieben ihre Seelen verlassen zurück.

Mit den Jahren nahm der Tempel auch mittellose Kranke auf. 1869 fand eine amtliche Inspektion Sterbende und Tote zusammen im selben Raum. Der Skandal, über den die Presse berichtete, bewog die chinesische Elite, das Tung Wah Hospital zu gründen. Es öffnete 1872 wenige Schritte von hier und übernahm die Verwaltung des Tempels.

2Die Pest

Im Mai 1894 brach in diesem überfüllten Viertel die Beulenpest aus und tötete binnen weniger Monate mehr als 6.000 Menschen. In jenem Sommer identifizierte der Arzt Alexandre Yersin in Hongkong den Pesterreger. Die Regierung ließ die Häuser am Hang abreißen und legte dort den Blake Garden an.

Jahrzehntelang mieden die Anwohner diese Straße bei Nacht: Man erzählte sich, die ruhelosen Seelen seien noch immer hier.

3Worauf du achten solltest

  • Die drei gelben Scheiben mit dem volkstümlichen Namen des Tempels.
  • Die Banner von Dei Jong Wong (Ksitigarbha), dem Beschützer der Toten, und des Mönchs Tsai Kung.
  • Der Duft von Räucherwerk, der die Treppe herunterweht.

Belegt

Der Tempel wurde um 1856 für die Ahnentafeln der fern der Heimat Verstorbenen gegründet; der Skandal von 1869 führte zur Gründung des Tung Wah Hospital (1872), und die Pest von 1894 traf dieses Viertel schwer.

Mündliche Überlieferung

Der Ruf der Tai Ping Shan Street als Spukstraße und ihre umherirrenden Seelen gehören zur Volksüberlieferung.

Quellen und Nachweise

Tung Wah Group of Hospitals, „Kwong Fook Tsz“ (offizielle Website); Elizabeth Sinn, „Power and Charity: A Chinese Merchant Elite in Colonial Hong Kong“ (1989); Hong Kong Museum of Medical Sciences, „Plague, SARS and the Story of Medicine in Hong Kong“ (2006).

Fotos:

  • Rote Mauer und Treppe des Kwong Fook I Tsz in der Tai Ping Shan Street, mit drei gelben Scheiben mit chinesischen Schriftzeichen: LN9267, CC BY-SA 4.0.

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